Leseproben

Theater auf Schienen: Unterwegs im Eastern & Oriental Express

Im Orient-Express von Singapur nach Bangkok existiert eine unwirkliche Welt zwischen Luxus, Menschen und kleinen blauen Pillen. Und das Ziel ist zweitrangig.

 

Quelle: Welt am Sonntag

Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs, saßen noch keine fünf Minuten im Speisewagen, da kam das Gespräch auf Viagra. Mr Stevenson, Strafverteidiger im Ruhestand, erwähnte die Potenzpille mit lässiger Selbstverständlichkeit, wie es nur Briten können: Habe ich immer dabei, schwaches Herz, bessere Durchblutung, you know?

Meiner Tischnachbarin zur Linken, einer zierlichen Lehrerin aus dem kanadischen Ottawa, gefror das Lächeln, und mir schoss der Gedanke durch den Kopf: Ist der Eastern & Oriental Express in Wahrheit ein Love train für ältere Engländer auf Lustreise durch die ehemaligen Kolonialgebiete?

Schon der Auftakt zum dreigängigen Mittagessen verlief nicht ohne Nervenkitzel: „Oh, from Germany!“, antwortete Mr Stevenson, als ich mich vorstellte. Seine Ex-Frau sei Deutsche gewesen. Geblieben ist ihm ein deutsches Lieblingswort: „Donnerwetter!“ Es sollte mir in den kommenden Tagen oft entgegenschallen. Auf dem Gang, in der Bar des Zuges, auf den Landausflügen. Sah mich Mr Stevenson, rief er: „Donnerwetter!“

Ich war nie ein Fan von Kreuzfahrten (zu beengt, zu viele Menschen an Bord), ich bin auch kein leidenschaftlicher Bahnfahrer (zu beengt, zu viele Menschen an Bord). Dennoch wollte ich seit Langem eine Kreuzfahrt auf Schienen unternehmen, eine Reise in einem Luxuszug.

Das könnte ich auf Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ schieben oder auf Alfred Hitchcocks großartigen Thriller „Der unsichtbare Dritte“: Cary Grant trifft im 20th-Century-Limited-Zug auf die eisblonde Eva Marie Saint, und die beiden liefern sich bei Cocktails und gebratener Forelle einen der coolsten Flirts der Filmgeschichte.

Was mich reizte, war jedoch weder die Aufklärung eines Mordfalls noch die Begegnung mit einer Blondine, sondern der Gedanke, mich still in ein kleines Abteil zu verziehen und tagelang aus dem Fenster zu blicken. Zur Abwechslung eine Tasse Tee oder einen Gin Tonic und ein gutes Buch. Mehr nicht.

Sie könnten einwenden, dass sich das auch in den eigenen vier Wänden bewerkstelligen lässt, ohne dafür mehrere Tausend Euro zu zahlen. Doch sollte man nicht das befriedigende Gefühl unterschätzen, etwa in Paris in den Orient-Express zu steigen und mehrere Bücher und Dutzende Tassen Tee später in Istanbul wieder auszusteigen. Man hat fast nichts getan und trotzdem zweitausend Kilometer zurückgelegt!

Für meine erste Reise dieser Art entschied ich mich nicht für den klassischen Orient-Express, sondern für seinen kleinen Bruder, den Eastern & Oriental zwischen Singapur und Bangkok. Das Panorama in Südostasien erschien mir verlockender als der Balkan. Außerdem dauert die Fahrt nur zwei Nächte und drei Tage. Nicht zu lang, nicht zu kurz.

Erste Überraschung im E & O: Mein Abteil zweiter Kategorie ist komfortabler als gedacht. Außer dem schmalen Bett ist auf acht Quadratmetern auch noch Platz für einen bequemen Sessel und ein Tischchen am Fenster, zwei Schränke und ein Mini-Bad mit Dusche und WC. Selbst für zwei Personen ist das (bei stabiler Beziehungslage) genügend groß, für eine ist es perfekt.

Zweite Überraschung: Ich bin der einzige deutsche Passagier. Vier Dutzend Reisende sind an Bord, fast alles Briten und Iren, dazu ein paar Amerikaner und Südafrikaner, eine kleine Gruppe Japaner. Allerdings, auch der Zugchef ist Deutscher: Ulf Buchert, seit 17 Jahren dabei. Präzise teilt er über das Bordmikrofon mit, wie die Strecke verläuft und wann das Abendessen beginnt. Der Koch wiederum, der eine zwölfköpfige Brigade in zwei fürchterlich engen Kombüsen kommandiert, ist Franzose.

Was Mr Stevenson zu der Bemerkung veranlasste: „Sind wir nicht alle froh, dass der Zugchef Deutscher und der Koch Franzose ist und nicht umgekehrt?“ Oh ja, Mr Stevenson, das sind wir. Hier ein Auszug aus Küchenchef Martineaus Menükarte: Mille-Feuille aus Kichererbsen, gedämpfter Seebarsch auf Zitronengras-Risotto, Käsekuchen und Früchte. Das war der Lunch. Zum Abendessen Gänseleber mit Orange und Pomelo, Lamm mit asiatischen Gewürzen und Couscous, Schokoladentarte mit Himbeeren sowie Petit Fours zu kolumbianischem Kaffee.

Frühstück und Tee wurden im Abteil serviert. „Good Mornääääng, Sir. Breakfääääst, Sir!“, riss mich jeden Morgen mein thailändischer Steward aus wüsten Träumen, die ich auf eine halbe Schlaftablette zurückführte. Der Luxuszug fährt in engen Kurven über die malaiische Halbinsel, er schwankt und bockt wie ein jähzorniges Pferd. Da wollte ich auf eine Einschlafhilfe nicht verzichten. Anderen ging es offenbar ebenso. Mit meinen Schlaftabletten war ich ein gesuchter Mann. Ich weiß nicht, wie es Mr Stevenson mit seinen Viagras ging.

Zu Lunch und Dinner wurde in die beiden Speisewagen gebeten, in zwei Sitzungen wie im Pauschalhotel, gegen zwölf und sechs Uhr oder gegen halb zwei und neun. Anders als im Pauschalhotel war aber große Abendgarderobe erwünscht. Zugchef Buchert wies mit deutscher Gründlichkeit eigens noch mal über das Bordmikro darauf hin.

Es wirkte ein bisschen theatralisch, wenn sich die Herren in dunklen Anzügen, mit Smoking und Fliege, und die Damen in edlen Roben hinter die Tische zwängten, auf denen schweres Kristall auf weißem Tuch stand. Mein Steward bügelte jeden Abend mein Oberhemd auf und half mir mit der Krawatte: „Sie sehen smart aus, Sir!“

Inszeniert ist auch die Fahrt selbst. Denn den E & O hat es historisch nie gegeben. Wer mit dem Zug von Singapur nach Bangkok wollte, musste mehrfach umsteigen (so ist das noch heute, nur der E & O fährt einmal wöchentlich durch und zahlt dafür hohe Gebühren an die Eisenbahngesellschaften von Singapur, Malaysia und Thailand).

Die Waggons wurden 1972 in Japan gebaut für eine Bahn in Neuseeland. 1991 kaufte sie Orient-Express-Hotels und trimmte sie auf Kolonialstil mit Teakholz, dicken Teppichen und Jugendstil-Lämpchen.

Ich könnte über die tropischen Landschaften berichten, die am Fenster vorbeizogen. Über den nächtlichen Stopp zum Auffüllen der Wassertanks in Kuala Lumpur, den wir nutzten, um aus der Ferne die famosen Petronas Towers zu bewundern, den höchsten Zwillingswolkenkratzer der Welt. Über eine Rikscha-Tour auf der Insel Penang. Über die Bootsfahrt zur Brücke am Kwai, die in Wirklichkeit ganz anders aussieht als im Film mit Alec Guinness. Was mir aber am nachhaltigsten im Gedächtnis geblieben ist, sind die Mitreisenden.

Neben Mr Stevenson traten auf: Ein krisengeschüttelter Banker aus Singapur mit Mutter (sie hat die Tickets bezahlt). Zwei frustrierte junge Hochzeitsreisende aus der Nähe von Birmingham, die nicht wussten, dass die unterste Kabinenkategorie nur über Doppelstockbetten verfügt. Zwei japanische Schauspieler in Kimono und Holzpantinen. Ein reifer Brite mit jungem thailändischem Begleiter.

Schließlich zwei Mädels aus London, Camilla und Maria, Mitte zwanzig. Mit großen Kulleraugen saßen sie am Tisch und stocherten in Monsieur Martineaus Gänsestopfleber herum. Nach dem zweiten Glas Wein erzählten sie, dass sie die Luxusreise gewonnen hätten. Ja, gewonnen, auf einer Auktion für benachteiligte Jugendliche. Als ich das später Mr Stevenson berichtete, sagte er: „Donnerwetter!“

Je länger die Reise dauerte, desto exzentrischer wirkten die Mitfahrer, desto weniger Zeit verbrachte ich in der Kabine bei den Büchern. Selbst der alte Klavierspieler, der versunken wie Schroeder aus den „Peanuts“ in der Bar am Piano saß und mit Mozart gegen das Rattern des Zuges anklimperte, geriet am letzten Abend außer Rand und Band, zog sich plötzlich und unverlangt eine schwarze Elvis-Perücke über und rockte: „Mm mm oh yeah, I am all shook up!“

Als wir am nächsten Nachmittag in Bangkoks Hualampong Station eintrafen, war ich traurig, die entrückte Theaterwelt des Zuges zu verlassen. Es war wie das vorzeitige Ende eines Bühnenstückes, das gerade erst richtig an Fahrt gewonnen hatte. Bye Camilla und Maria, bye Mr Stevenson.

Nachtrag: Drei Tage später traf ich im Hotel in Bangkok die beiden Hochzeitsreisenden wieder. Sie fuhren mit dem Lift zum Auschecken. „Was für ein Zufall“, rief ich. Wo wart ihr die ganze Zeit? Nie am Pool, nie beim Frühstück! „Well ?“, druckste der junge Ehemann, und die junge Ehefrau blickte zu Boden, die Gesichter immer noch britisch blass. Da dämmerte es mir. Donnerwetter.