Essen auf den Straßen von New York: Mittagspause mit Hummerbrötchen

Ohne seine Straßenimbisse ist New York undenkbar. Doch die Zeiten, als man nur einen pappigen Hot Dog in die Hand gedrückt bekam, sind zum Glück vorbei. Heute regiert kulinarische Vielfalt auf dem Bürgersteig.

 

Quelle: F.A.Z 

Seit fast zehn Jahren halten die Halal Guys mit ihrem kleinen Wagen in Manhattans Midtown die Stellung und übernehmen die Mittagsversorgung der Büroangestellten. An der Kreuzung 6th Avenue und 53. Straße verkaufen sie, in zitronengelbe Pullover gekleidet, bei Regen, Schnee und Sonnenschein Salat und gegrilltes Lammfleisch, vor allem aber Hühnchen auf Reis mit scharfer weißer Sauce für gleichermaßen scharf kalkulierte sechs Dollar pro Alu-Teller.

 

Auch abends werfen sie im Schatten des Hilton-Hotels ihre Kochplatten an und profitieren dann bis spät in die Nacht von Theaterbesuchern am Broadway. Oft sieht man Schlangen von dreißig, vierzig artig wartenden New Yorkern vor dem Stand, dabei ist die Stadt nicht gerade für geduldige Einwohner bekannt. Doch das Warten lohnt sich: Das Hähnchen ist fest im Fleisch, der Basmatireis angenehm körnig, die weiße Joghurtsauce säuerlich frisch mit pikanter Note. Zwiegespräche mit dem Chef oder eine Bleeching-Sitzung beim Zahnarzt sollte man anschließend allerdings vermeiden. Denn es herrscht Knoblauchalarm.

 

Wer einen solchen Erfolg hat, bleibt nicht lange allein. Nur eine Ecke entfernt steht ein Nachahmer mit Hühnchen, Reis und weißer Sauce, schräg gegenüber noch einer, und an der 43. Straße gibt es die Trini Paki Boys, auch sie sind längst stadtweit bekannt - dank Hühnchen, Reis und weißer Sauce.

 

Die knoblauchumwehten Halal-Wagen sind derzeit das auffälligste Phänomen auf den Straßen Manhattans. Ein Einzelfall sind sie keineswegs. Straßenküchen gehören zu New York wie Freiheitsstatue und Empire State Building. Für die New Yorker hat Street Food alles, was sie im Alltag lieben. Es ist schnell, unkompliziert und billig.

 

Für fünf, sechs Dollar wird man satt. Für sechzehn Dollar kann man sich in der Mittagspause ein internationales Menü zusammenstellen: als Vorspeise für drei Dollar eine argentinische Empanada mit Rindshack, Kartoffeln und Oliven vom Nuchas-Stand, als Hauptgericht für neun Dollar ein scharfes Zitronengras-Seitan mit Cashew-Nüssen und Sichuan-Chilisauce auf getoastetem Baguette von Cinnamon Snail und für vier Dollar als Abschluss einen griechischen Joghurt mit Apfelstreusel vom Steel Cart am oberen Broadway. Das ist günstig in einer Stadt, in der nicht nur die Wolkenkratzer, sondern auch die Lebenshaltungskosten zu den höchsten der Welt gehören.

 

Don’t you worry, take home some curry!

 

Noch nie ist das Angebot so vielseitig gewesen wie heute. Allein an der Park Avenue kann man sich innerhalb einer Viertelstunde durch drei Großküchen Asiens probieren: erster Stopp an der Ecke 51. Straße am Wagen von Seoul-Food mit koreanisch inspiriertem Rindfleisch in einer Weizenmehltasche - Letztere eine etwas überraschende Übernahme aus der mexikanischen Küche, aber praktisch -, garniert mit orangefarbenem Kimchi, Römersalat und Aioli.

 

Auf der anderen Seite parkt schief am Bordstein der himmelblaue Laster von Bian Dang. Hinter der hochgeklappten Luke zwei fröhliche junge Asiaten, auf der Speisekarte taiwanesische Snacks. Empfehlung des Tages: Tianbula, frittierter Fisch mit Koriander auf Jasminreis, als Beilage „Buddha’s Delight“, gebratener Tofu mit Gemüse. Von Taiwan nach Indien müssen keine 3400 Kilometer oder vier Stunden im Flugzeug überwunden werden, sondern lediglich 75 Meter zur 54. Straße. Hier wartet in einem weißen Anhänger ein gemütlicher Inder mit roter Kochschürze auf Kundschaft. Auf der Seite der Slogan „Don’t you worry, take home some curry!“ Wir nehmen Chicken Tikka Masala und sorgen uns kein bisschen.


Küchen auf der Straße gibt es in New York, seit es Einwanderer gibt, also seit Gründung der Stadt.Die Zugewanderten brachten Gerichte aus der alten Heimat mit und verkauften sie an ihre Landsleute in der neuen Welt. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte der Straßenverkauf einen ersten Höhepunkt, als die Bevölkerung binnen weniger Jahrzehnte von 400000 auf mehr als zwei Millionen anschwoll. Die Versorgung der Stadt geriet aus den Fugen, kleine Händler nutzten die Gelegenheit, kauften frühmorgens am Hafen und im Großmarkt billig den Überschuss an Obst und Gemüse, den die großen Firmen nicht wollten, und verkauften ihn auf Karren direkt an die Passanten.

 

Die Lower East Side war damals eine der am dichtesten besiedelten Flecken der Erde. Nicht nur hier musste man nicht lange laufen, um Abnehmer zu finden. Italienischstämmige Kunden verlangten nach Paprika, Käse, Knoblauch, Nüssen und Oliven, in den jüdischen Vierteln waren vor allem Fisch, Zwiebeln, Kartoffeln, Kohl und Karotten gefragt. Geboten wurde aber auch schon Zubereitetes: Kichererbsensuppe, Brezeln, gegrillter Mais, gefüllte Klöße, die heute noch beliebten „Knishes“.

 

Die Kür der besten Imbisse der Stadt

 

Günstiges, schnelles Essen war für das Funktionieren der Metropole wichtig. Doch darum ging es nicht allein. Straßenküchen hatten immer auch viel mit Tradition und Nostalgie zu tun. Im Stadtteil Harlem frequentierten Afro-Amerikaner aus dem tiefen Süden die Stände mit ländlicher Kost aus Georgia und South Carolina. Ralph Ellison hat das in seinem Roman „Invisible Man“ von 1952 beschrieben. Sein schwarzer namenloser Ich-Erzähler stößt auf einen Mann mit gebackenen Süßkartoffeln für zehn Cent das Stück. Kleine Stärkung, große Wirkung: „Ich biss hinein, und die Kartoffel war süß und heiß, wie ich noch keine gegessen hatte. Heimweh überkam mich, und ich wandte mich ab, um meine Erregung zu verbergen. Dann ging ich weiter, kaute die Kartoffel - und ich fühlte mich plötzlich so frei, nur weil ich essend durch die Straßen ging.“

 

„Straßenküchen sind von einem Immigrantenphänomen zu einem Teil der Pop-Kultur geworden, über den leidenschaftlich in Zeitschriften und im Internet gestritten wird“, sagt der New Yorker Food-Autor Francis Lam. Er ist Mitglied der Jury für die Vendy Awards 2013, eine private Initiative, die um mehr Aufmerksamkeit für die Belange der Straßenhändler kämpft und zu diesem Zweck die besten Imbisse der Stadt kürt. Jedermann konnte an der Abstimmung teilnehmen, vor der Preisverleihung gab es einen großen Kochwettbewerb. Lam war beeindruckt, wie zeitgemäß die Szene ist: „Sie spiegelt die Trends und Moden wider, die sich in den vergangenen Jahren auch in der etablierten Gastronomie entwickelt haben.“

 

Ein Fast-Food-Klassiker verschwindet

 

„Gourmet Food“ ist die eine Richtung. Nicht mehr nur Brezeln und Knishes, sondern auch Sushi, Foccacia-Sandwiches oder sogar - von Luke’s Lobster - Hummerbrötchen für üppige siebzehn Dollar werden auf der Straße angeboten. Alte Favoriten werden neu interpretiert, um den wachsenden Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Der Big Gay Ice Cream-Truck zum Beispiel kreierte Softeis in so gewagten Geschmacksrichtungen wie Kürbis und Wasabi-Erbse. Gesundes ist der andere Trend. Die Zutaten kommen aus biologischem Anbau, die Gerichte richten sich an Vegetarier und Veganer. Nuchas etwa bedient diese Klientel mit einer Teigtasche für drei Dollar, gefüllt mit Pilzen, Auberginen, Zucchini, Kartoffeln, Zwiebeln und Kokossauce. Cinnamon Snail, wie Nuchas einer der Preisträger der diesjährigen Vendy Awards, hat sein gesamtes Programm ausschließlich vegetarisch ausgelegt, sogar eine glutenfreie.


Die „New York Times“ unkte schon, manche Kinder der Stadt hätten noch nie in ihrem Leben einen gewöhnlichen Hot Dog mit Senf gegessen. Ein Kulturgut droht verlorenzugehen! Das Siedewürstchen im pappigen Brötchen, der Klassiker der Straßensnacks, wirkt unter den jungen Popstars des Street Food so in die Jahre gekommen wie einst Elvis in Las Vegas.

 

Allerdings, räumt Yannis Moati von Nuchas ein, sei der Mehrheitsgeschmack der Straße immer noch fleischlich bestimmt. Von den acht Teigtaschen im Sortiment verkaufe sich die veganische Empanada am schlechtesten, die mit Rinderhack am besten. Und auch der ehemalige Bürgermeister Bloomberg, sonst ein Verfechter des gesunden Lebensstils, pflegte seine Staatsgäste unverdrossen zum Hot-Dog-Stand zu schleppen, um ihnen ein typisches Gaumenerlebnis seiner Stadt zu verschaffen. Im Internet kursieren lustige Fotos, wie der britische Premierminister David Cameron mit leichter Panik im Gesicht vor der Penn Station in einen Hot Dog beißt. Ein Hummerbrötchen von Luke’s Lobster wäre ihm wohl lieber gewesen.

 

Ein Knochenjob, kein Traumjob

 

Auch wenn es widersprüchlich klingt: Das Aufkommen der Gourmet-Imbisse hat viel mit der Krise von 2008 zu tun“, sagt Francis Lam. Damals mussten zahlreiche Restaurants schließen. Einige Köche und Gastronomen versuchten sich daraufhin mit einem Imbisswagen. So konnten sie sich wenigstens die teuren Ladenmieten sparen.

 

Andere, wie Yannis Moati und Ariel Barbouth von Nuchas, hatten vorher mit Gastronomie gar nichts zu tun, erkannten aber das Potential des Straßenverkaufs und zogen 2009 generalstabsmäßig eine kleine Firma mit argentinischen Empanadas auf - Ariel ist in Buenos Aires geboren. Die Rezepte ließen sie von einem Profikoch entwickeln, ein Marketingplan wurde geschrieben, ein Logo entworfen und ein Pressebüro engagiert. Auch der Name Nuchas ist eine Kunstschöpfung: „Wir wollten etwas, das sympathisch und spanisch klingt“, sagen die beiden. Von Straßensnacks reden sie nicht, sondern von „Artisan Hand-Held Foods“.

 

Als zweites Standbein neben dem Truck bewarben sie sich gleich zu Beginn erfolgreich um die Lizenz für einen festen Kiosk am Epizentrum des New Yorker Fremdenverkehrs, dem Times Square. Catering für Firmenpartys und private Feste bieten sie auch an. Eine Facebook-Seite, ein Blog und ein Twitter-Konto gehören zum professionellen Auftritt. Darüber publizieren sie - wie inzwischen viele andere Imbissstände - die Einsatzzeiten und Standorte ihres Wagens.

 

Früher oder später, glaubt Francis Lam, wird aber auch diese neue Generation das harte Leben einholen: „Bei Wind und Wetter auf der Straße zu stehen ist kein Traumjob.“ Der Verdrängungswettbewerb sei groß, die Verdienstmöglichkeiten seien sehr begrenzt. Für die meisten beschränkt sich die Geschäftszeit auf die Mittagspause zwischen 12 und 14 Uhr. Lange Schlangen fast rund um die Uhr wie bei den Halal Guys sind die Ausnahme und sicher nicht auf ewig garantiert. Einige der Stars der Szene haben sich deshalb wieder von der Straße zurückgezogen und versuchen ihr Glück mit einer festen Bleibe.

 

Die Jungs von Big Gay Ice Cream zum Beispiel, mehrfach nominiert für die Vendy Awards, haben ihren Truck stillgelegt und eine Eisdiele im East Village eröffnet.